Ich war heute zu einer Paneldiskussion zum Thema Longevity eingeladen. Die Moderation war super! Neben dem eigentlichen Thema ging es aber auch um Abnehmspritzen und Adipositas, um Verhältnisprävention und um einiges mehr. Zur Vorbereitung habe ich einiges recherchiert und mir Gedanken dazu gemacht. Da diese Gedanken und die Recherche irgendwo hinaus wollen, schreibe ich sie im Blog. Es folgt ein Text aus der Kategorie TL;DR.
Ich bin keine Longevity Expertin. Ich habe 2014 ein Review im Journal Gerontology publiziert und dabei meinen größten Conflict of Interest in der Longevity-Debatte entdeckt, nämlich, dass mich dieses Forschungsfeld leider Nüsse interessiert! Andere Forschungsgebiete beschäftigen sich mit der Frage, ob Altern eine Krankheit ist oder nicht. Meine Meinung dazu ist klar: Altern ist genauso wenig eine Krankheit wie die Kindheit. Unser Leben ist endlich. Genauso wie ein Buch, das nicht zu Ende gelesen wurde, kann auch ein Leben nicht zu Ende gelebt werden. Viele Verstorbene aus meinem Familien- und Freundeskreis hatten noch so vieles vor. Nur bei meiner Großmutter vom Dorf hatte ich den Eindruck, dass sie in Frieden abgeschlossen hat. Ihr Buch war fertiggelesen und schön.
Bei mir war’s auch mal fast so weit, dass das Buch abrupt ungelesen geblieben wäre. Bei der Geburt meines zweiten Kindes wäre ich beinahe verblutet. Da lag ich im OP Saal nahezu ohnmächtig. Als gläubige Christin hatte ich erstaunlicherweise keine Angst vor dem Tod. Es war entweder der Glaube oder das Fentanyl, das ich bekommen hatte, aber ich lag und betete, dankbar für das schöne Leben, das ich bisher leben durfte. Meine Bitte an Gott war, für meine Kinder da sein zu können, sie aufwachsen zu sehen. „Gegrüßt seist du, Maria“ — tatsächlich hat mir Maria, meine Gynäkologin das Leben gerettet. Als ich sie im Aufwachraum sah, war mein erster Gedanke, dass uns Heilige im echten Leben mehr begegnen als in der Kirche.
Was gibt‘s zu Longevity zu sagen? Der Begriff „Longevity“ hat wissenschaftliche Grundlagen, aber es wird zunehmend kommerzialisiert. Die Geroscience-Hypothese postuliert, dass die Gesundheitsspanne (Healthspan) durch gezielte Einflüsse in fundamentale Alterungsmechanismen verlängert werden kann, anstatt jede altersbedingte Erkrankung einzeln zu behandeln. Früher kauften Menschen Ablässe für ihre Sünden. Heute kaufen sie Supplemente. Wann also wird der Diskurs gefährlich? Wenn er gesellschaftliche Ungleichheit individualisiert. Wenn er so tut, als wäre Lebenserwartung primär eine Frage persönlicher Entscheidungen. Dabei wissen wir: Lebenserwartung ist genetisch, strukturell, sozioökonomisch determiniert. Arbeitsverhältnisse, Wohnverhältnisse, Schadstoffbelastung, Stress durch Armut — das sind die Treiber. Der Longevity-Diskurs richtet sich an eine Mittelklasse, die ohnehin länger lebt. In dieser Bubble bleibt am Ende des Monats Geld am Konto.
Beim Panel wollte niemand Supplemente verkaufen, Gott sei Dank! Wir waren uns sogar einig, dass es einige Dinge gibt, die nichts oder wenig kosten und viel bringen: ausreichende Bewegung zum Beispiel ist die stärkste Einzelintervention überhaupt. 150 Minuten moderate aerobe Aktivität pro Woche (z.B. zügiges Gehen) reduziert altersbedingte Erkrankungen, verbessert vaskuläre Biomarker und verlängert die Lebensspanne. Krafttraining ist superwichtig! Dass wir uns als Spezies bewegen müssen, ist für mich aber artgerechte Haltung. Mediterrane Ernährung reduziert die Gesamtmortalität um 15-20% je nach Studie, mehr Gemüse, Obst, Vollkorn, Hülsenfrüchte, Nüsse, Olivenöl; weniger rotes Fleisch und verarbeitete Lebensmittel. Es sind leine teuren Superfoods nötig: lokal und saisonal reicht.
Es geht aber auch um Tischkultur (dazu später mehr). Kaffee: 2-4 Tassen täglich sind mit 15% niedrigere Gesamtmortalität und 17% niedrigere kardiovaskuläre Mortalität verbunden. Ein gesundes Gewicht zu haben und zu halten wirkt wie lebenslange moderate Kalorienrestriktion in der heutigen adipogenen Umgebung. Hier ist weniger definitiv besser als mehr, außer bei Untergewicht und J-shaped curves uns so.
Die Harvard Study of Adult Development — mit über 85 Jahren die umfangreichste Langzeitstudie zu menschlichem Wohlbefinden — zeigt: Die Qualität menschlicher Bindungen ist der stärkste Prädiktor für Gesundheit im Alter. Nicht Cholesterin.
Wir waren auch kritisch wenn es um Verhältnisprävention geht, kritisch gegenüber unserem Gesundheitssystem wo apparative Diagnostik (je mehr Geräte desto besser) gut bezahlt wird aber Beratung fast nichts wert ist. Ich habe erst diese Woche bei einer anderen Panel-Diskussion erfahren, dass HausärztInnen fast gar nichts für Gespräche bezahlt bekommen. Der Arzt, der eine Stunde mit einem Patienten über Lebensstil spricht, verdient weniger, als wenn er fünf Minuten ein Rezept ausstellt (aus unternehmerischen Perspektive, die der Hausarzt auch einnehmen muss, ist es ein Verlust ins Gespräch zu gehen).
Wären verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen ab 35 die Lösung? Systematische Reviews zeigen: Allgemeine Gesundheitschecks reduzieren weder Gesamtmortalität noch kardiovaskuläre Ereignisse. Sie führen zu mehr Diagnosen, mehr Verschreibungen, mehr Inanspruchnahme aber nicht zu weniger Todesfällen. Das liegt nicht daran, dass Vorsorge sinnlos wäre. Es liegt daran, wen sie erreicht: Wer zu Vorsorgeuntersuchungen geht, ist meist bereits gesundheitsbewusst, gebildet und gut versichert.
Angestellte der Sozialversicherung pochen gerne öffentlich auf Eigenverantwortung. Natürlich haben Menschen nicht nur Rechte, sondern auch Verantwortung. Wenn Sie aber von Werbung für ultra-verarbeitete Lebensmittel umgeben sind, 50-Stunden-Wochen arbeiten, schlecht schlafen; wenn Sie zu viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, sich durch Social Media doomscrollen und – wie von der Stadtplanung vorgesehen – sozial isoliert sind, dann sind solche Vorschläge wie ein Schwimmkurs für Ertrinkende. Ähnlich verhält es sich, wenn sich eine Belehrung über gute Essgewohnheiten auf ein PDF der Ernährungspyramide beschränkt. Wissen ohne Kontext und Ressourcen ist wirkungslos.
„In no species other than humans do cultural, social, and biological factors interact with each other in modulating complex phenotypes.“ (De Benedictis & Franceschi, 2006)
„Wie lange noch?“ fragt der Sterbende. „Noch eine Minute“ verhandelt Carla Bruni
Auf der Palliativstation fragte ein Patient bei jeder Visite wie lange er noch zu Leben habe. Als ich ihm nach einer Magenspiegelung im Aufwachraum angetroffen habe, fragte er die Krankenschwester die gleiche Frage. Sie dachte, er meint, wie lange es dauert bis der Träger kommt und ihm auf die Station zurück bringt. „Fünf Minuten“ sagte sie. „So wenig?“ fragte der Patient.
Was dieser Patient wollte, war nicht epidemiologische Lebenserwartung. Er wollte wissen, ob noch Zeit ist. Wofür, das sagte er nie. Und genau das ist die Frage, die der Longevity-Diskurs nicht beantwortet und auch nicht beantworten könnte.
Der Kabarettist Michael Niavarani rechnet vor, wie ein Menschenleben von 70 Jahren tatsächlich verbracht wird: 23 Jahre Schlaf, 31 Jahre Medienkonsum, 6 Jahre am Klo, 1 Monat Spammails löschen, 140 Tage in Warteschleifen. Und am Ende, nach all dem Abziehen: 6,5 Tage Orgasmus, von denen 4,8 vorgespielt sind.
„Der Mensch ist lieb. Weil er glaubt, dass er was Besonderes ist.“
— Michael Niavarani
Carla Bruni hat dasselbe Gefühl in einem Lied gefasst. „La Dernière Minute“. Sie stellt sich vor, wie sie als alte Frau den Tod am Fußende ihres Bettes stehen sieht, und bittet ihn: noch eine Minute. Für eine Zigarette, „Um mich hübsch zu machen oder für eine Zigarette / Nur noch eine Minute, nur noch eine Minute / Für einen letzten Schauer oder für eine letzte Geste /Um die Erinnerungen vor dem großen Winter zu ordnen / Nur noch eine Minute…“
„Puisque ma vie n’est rien, alors je la veux toute.“
— Carla Bruni, La Dernière Minute
Die Nichtigkeit wird zur Begründung für radikale Gier nach dem Lebendigen. Nicht mehr Jahre, weil das Leben wertvoll ist, sondern noch eine Minute, weil das Leben nichts ist und man es trotzdem will. Alles und in all seinen Umwegen.
Longevity ist für mich artgerechte Haltung, genetische Sechser würfeln aber auch Ressourcen zu haben. Was mich schon fasziniert ist nicht wie alt wir werden können, sondern wie viel Altes wir in uns tragen. Wussten Sie, dass wir das Urmeer in uns tragen? Zumindest war das eine Annahme in manchen Physiologie Vorlesungen. Diese poetische Vorstellung, dass wir „das Urmeer in uns tragen“, ist eher eine Metapher als eine wissenschaftliche Tatsache. Der tatsächliche evolutionäre Ursprung der Zusammensetzung unserer extrazellulären Flüssigkeit ist komplex und hängt wahrscheinlich eher mit biophysikalischen Gegebenheiten und der Anpassung an unterschiedliche Umgebungen zusammen als mit der bloßen Bewahrung der chemischen Zusammensetzung des Urmeeres.
„Truth is a daughter of time“. Auch unsere Identität braucht Zeit. Sie entsteht nicht aus optimierten Routinen und small steps, sondern aus Brüchen, Bindungen, Entscheidungen, Irrtümern, Schuld, Dankbarkeit, Staunen. Eine Biografie braucht Spannung. Niemand hätte die Biografie von Prince Harry gekauft, wenn er sein Leben lang am Balkon brav zu Anlässen gewunken hätte. Die Biografie braucht Veränderung. Sie braucht auch die Endlichkeit.
Der französische Philosoph Paul Ricoeur hat sein Leben damit verbracht zu zeigen: Identität entsteht nicht aus stabilen Eigenschaften, sondern aus Narration. Wir verstehen uns selbst, indem wir unsere Geschichte erzählen, auch immer wieder neu. Das Selbst entsteht im Erzählen, während die Geschichte noch läuft. Rita Charon hat aus Ricoeurs Philosophie die Narrative Medicine entwickelt. Die Geschichte des Patienten ist nicht Hintergrundrauschen zur eigentlichen Diagnose, sondern das Zentrum der klinischen Begegnung. Wenn ein Mensch krank wird, verliert er oft den Faden seiner eigenen Geschichte. „Illness disrupts the plot.“ Die Ärztin ist dann nicht nur Problemlöserin, sondern Mitgehende, Zeugin, Koautorin einer Erzählung, die auch hilft, die Erkrankung erträglich zu machen.
In der Suchtmedizin, in der Psychiatrie, in der Onkologie zeigt sich: Menschen brauchen nicht nur Diagnosen. Sie brauchen Narrative. Die Frage „Was ist mit Ihnen passiert?“ ist therapeutisch. Die Frage „Wer sind Sie in dieser Geschichte?“ auch. Was bedeutet das für den Longevity-Diskurs? Dieser fragt: Wie lange? Narrative Medicine fragt: What’s the story? Longevity optimiert die Dauer. Narrative Medicine interessiert sich für den Plot. Und ein Plot braucht Spannung, Brüche, Entscheidungen, Verluste, Dankbarkeit, Staunen. Er braucht Endlichkeit als Form. Eine Biografie ohne Ende ist keine Biografie. Sie ist ein endloser Wartesaal. Patient heißt ursprünglich „Wartender“ aber das Warten darf nicht zur Lebensform werden.
Bewegen Sie sich. Schlafen Sie. Essen Sie gut, mit Menschen, die Sie lieben. Pflegen Sie Beziehungen mehr als ihre Laborwerte. Hören Sie die Geschichte des anderen, erzählen Sie und lassen Sie sich Ihre eigene erzählen.Wenn es nicht die Aufgabe der Medizin ist, das Ende hinauszuzögern, sondern dafür zu sorgen, dass Menschen bis zum Ende Protagonist ihrer eigenen Geschichte bleiben können, dann muss sie anders fragen. Nicht nur: Wie verlängern wir Leben? Sondern: Was ermöglicht Spielraum, Würde, Beziehung, Sinn, usw. usf.? Dann ist Gesundheit nicht die perfekte Kontrolle aller Risiken, sondern die Möglichkeit, im eigenen Leben noch vorzukommen.
Um meine Freundin Beate Winkler zu zitieren:
Was will noch gelebt werden und welche Geschichte wollen wir noch erzählen?
Quellen:
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