Abnehmen ist Smalltalk. Adipositas ist eine Krankheit. Und genau diese Verwechslung kostet Menschen ihre Gesundheit und manchmal ihr Leben. Menschen mit Adipositas leben mit eine chronische Systemerkrankung, die weit mehr erfordert als Diät und Willenskraft. Große klinische Studien belegen eindeutig: Lebensstilinterventionen allein reichen nicht aus. Wirksame Medikamente existieren, doch Versicherungssysteme, Stigma und kurzfristiges Kostendenken stehen einer evidenzbasierten Versorgung im Weg. Warum das österreichische Gesundheitssystem hier versäumt – lesen Sie weiter.

Abnehmen und Adipositas haben zwar Schnittmengen, sind aber nicht dasselbe. Abnehmen ist ein gesellschaftliches Thema, das sich gut für Small Talk eignet, so wie das Wetter. Sehr viele Erwachsene haben bereits in ihrem Leben über Abnehmen nachgedacht und aktiv versucht, ihr Gewicht zu reduzieren, (meistens nicht aus gesundheitlichen Gründen) und haben es entweder geschafft oder sind gescheitert und habe es weiter probiert. Als schlanker Mensch ist es leicht, auf sein Gewicht zu achten. Für viele passiert es automatisch. Für andere ist es ein Kampf. „Einige Kilos mehr zu haben, bedeutet, dass ich versuche, weniger zu essen, und meistens gelingt es auch.“ Außer bei einer Gruppe, bei der es nicht gelingt – bei Menschen mit Adipositas. (Wenn ihr denkt, dass dieser Strich „-” von der KI kommt, irrt ihr euch!)

Menschen mit Adipositas sind dick und krank. Sie sind dick, weil sie krank sind und in unserer kalorienreichen Umgebung zum Überessen „programmiert“ sind – das macht sie dick – und sie sind krank, weil die übermäßige Fettmasse, die entsteht, die Funktion ihrer Organe und ihres Körpers negativ beeinträchtigt. In der Wissenschaft und in der Medizin wird viel diskutiert über wer genau Adipositas hat und wie gravierend die Diagnose ist. Die Ursachen für die Entstehung der Adipositas sind komplex; sie hängen zwar mit Ernährungsgewohnheiten und Gewichtsmanagement zusammen, werden jedoch von sozialen, wirtschaftlichen und umweltbedingten Faktoren sowie von der Politik der Regierungen geprägt. Wer sich ein gutes Bild über diese multifaktorielle Krankheit machen will, muss Fachwissen aus den Bereichen Ernährungswissenschaft, Endokrinologie, Soziologie und Ökonomie zusammenführen und trotzdem wäre sie nicht gänzlich zu verstehen.

„Adipositas gehört zu den schwierigsten Herausforderungen im Gesundheitswesen. Eine einfache Lösung gibt es dafür nicht. Wirksame Strategien um Menschen zu helfen brauchen ein koordiniertes Zusammenspiel auf vielen Ebenen: politisch, im Bildungssystem, in der Medizin, in Public Health Bereich, auf kommunaler und gesellschaftlicher Ebene, im familiären Umfeld und beim Individuum selbst. Eigenverantwortung und Selbstmanagement sind wichtig, aber sie dürfen nur dort eingefordert werden, wo Menschen auch die nötigen Voraussetzungen und Ressourcen dafür haben. Niemand ist schuld, aber alle tragen wir eine gemeinsame Verantwortung um diese Krankheit zu behandeln. Es kann so wie bisher nicht mehr weiter gegen.“ Schreibt Prof. Elio Barry.

Ganzheitliche Ansätze (sogennante „whole systems approaches“), die die vielfältigen Ursachen von Adipositas berücksichtigen, den Fokus weg vom Einzelnen als Interventionsziel verlagern und stattdessen darauf abzielen, das System, in dem die Menschen leben, zu verstehen und zu verbessern, klingen vielversprechend, werden jedoch größtenteils nicht umgesetzt (bei uns und überall).

Menschen mit Adipositas und Menschen, die abnehmen möchten, greifen oft auf dieselben Mittel zurück. Diäten und Bewegungsangebote sind teil einer Milliardenschweren Industrie. Für manche genügt es oder es kann zu kurzfristigen Erfolgen führen, hingegen profitieren nicht mal 1% von Menschen mit Adipositas davon. Je höher die Krankheitslast, desto höher die Anzahl an schrägen Diäten, wiederholten Abnehmversuchen und folglich ungesunden Gewichtsschwankungen

Seit längerer Zeit wird über Abnehmspritzen diskutiert und inzwischen gibt es bereits Langzeitstudien zu denjenigen Kritikern, die behaupten, es gebe keine Langzeitstudien zu diesen Medikamenten. Ich bin keine Medienwissenschaftlerin, aber mir scheint, dass die Berichterstattung zu diesen Spritzen wie folgt abgelaufen ist: von ihrer Entdeckung und Amplifikation, über eine Kontamination des Themas durch Prominente, moralische Panik und Panik bezüglich der Nebenwirkungen bis hin zu einer Regulierungskrise und Normalisierung. Je nach Medium wird das gleiche Medikament unterschiedlich dargestellt: als Wundermittel, Statussymbol, einfacher Ausweg (mit moralischen Kommentaren), „gefährliche“ Abkürzung (in Sicherheitsberichten) oder unverzichtbarer Bestandteil des Lebensstils (in Wellness-Medien) – und das alles gleichzeitig. Wie ein auf Adipositas spezialisierter Arzt aus Harvard es formulierte, ist der Kontrast zwischen Menschen, die über TikTok von Abnehmspritzen erfahren, weil ein Prominenter sie verwendet hat, und Menschen, die sich mit den tatsächlichen Daten aus Herz-Kreislauf-Studien auseinandersetzen, „sehr bezeichnend“.

Nun ist es schon so weit, dass nicht nur die WHO sondern auch die Stiftung Warentest Abnehmspritzen als wirksam bewertet.

In einem rezenten Beitrag rückt die Gesundheitskassa diese Abnehmspritzen in die Schmuddelecke um kurzfristig Kosten zu sparen. Dabei zeigen IHS-Daten: Eine Behandlung von 50 % der Hochrisikopatient:innen würde jährlich € 108,7 Millionen sparen und die Lebenszykluskosten pro Patient:in um ca. 40 % reduzieren. Und Österreichs gesunde Lebenserwartung ist im europäischen Vergleich ohnehin schlecht. Das ist eine sehr bedauerliche, ja eigentlich schändliche Entwicklung.

Denn das eigentliche Ziel der ADIPOSITAS-Therapie ist nicht: Wie viele Kilos kann ich verlieren? Sondern: Wie viel gesünder kann ich werden?

Denn klinische Adipositas ist eine chronische Systemerkrankung mit nachweisbarer Organdysfunktion und keine Willensschwäche, keine Schuld! Lebensstilinterventionen allein reichen dafür meist nicht aus. Ein gesunder Lebensstil bzw Lebensstilinterventionen bestehend aus Kalorienreduktion, Bewegungstherapie und Verhaltenstherapie bilden die Grundlage der Adipositasbehandlung und stellen in der Regel die erste Behandlungsmaßnahme dar. Aufgrund der komplexen Ursachen von Adipositas reichen Lebensstilinterventionen allein jedoch oft nicht aus, um die klinischen Behandlungsziele und die individuellen Ziele zu erreichen.

Wenn von „Lebensstilintervention“ die Rede ist, denken viele an einen gelegentlichen Rat beim Hausarzt. In den großen randomisierten Studien zur medikamentösen Therapie der Adipositas (mit Semaglutid oder Tirzepatid) wird die begrenzte Wirksamkeit der alleinigen Lebensstiltherapie eindrücklich bestätigt. In der STEP 1 Studie erreichte die Placebogruppe trotz intensiver Lebensstilbegleitung nur eine mittlere Gewichtsreduktion von 2,4 % nach 68 Wochen, verglichen mit der Semaglutid-Gruppe (Medikament plus Lebensstiltherapie). In der kardiovaskulären Endpunkstudie SELECT erreichte die Placebogruppe unter einer allgemeiner Lebensstilberatung (150 min Bewegung/Woche und gesunde Ernährung mit Kalorienreduktion) 1,5 % Gewichtsverlust versus 10% bei den Menschen die mit Semaglutid behandelt wurden, deren Risiko frühzeitig zu sterben auch um 20% geringer war. In der SURMOUNT-1 Studie (Placebo versus Tirzepatid zur Gewichtsreduktion) betrug die Gewichtsreduktion durch begleiteter Lebensstilintervention 3,1 % nach 78 Wochen versus bis zu 20,9% (Lebensstil plus Tirzepatid). In SURMOUNT-3 konnte selbst nach initial erfolgreicher intensiver Lebensstilmodifikation mit einer Gewichtsreduktion von über 5% nach 12 Wochen das Gewicht in der Placebogruppe langfristig nicht gehalten werden. Wenn es um’s „reine“ Abnehmen geht führen Medikamente wie Semaglutid oder Tirzepatid konsistent zu deutlich stärkerer und anhaltenderer Gewichtsreduktion. Das bedeutet: Die Studien haben nicht das Scheitern unmotivierter willensschwacher Menschen gemessen. Sie haben das Scheitern optimaler Bedingungen gemessen.

Eine leitliniengerechte Therapie der Adipositas muss deshalb neben Ernährung, Bewegung und Verhaltensunterstützung häufig auch pharmakologische und gegebenenfalls chirurgische Verfahren einschließen, als pathophysiologisch begründete, evidenzbasierte Notwendigkeit. Diese werden aber deutlich zu wenig angewendet und nationale Versicherungssysteme weltweit versuchen sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Dabei ist absehbar: Diese Medikamente werden günstiger werden, so wie viele Innovationen zuvor. Umso wichtiger ist es, jetzt die Weichen richtig zu stellen.

Wenn wir evidenzbasierte Therapien aus Kostengründen oder aufgrund von Stigma vorenthalten, untergraben wir die Idee eines solidarischen Gesundheitssystems.

Was wäre möglich wenn eine faire, evidenzbasierten Versorgung Lebensrealität wäre? (Na ja.. weniger Typ-2-Diabetes, weniger Schlafapnoe, weniger Gelenkbelastung, weniger Fettleber, weniger kardiovaskuläre Risiken, weniger Depression durch chronische Beschämung. Und oft auch: mehr Energie, mehr Beweglichkeit, besserer Schlaf, größere soziale Teilhabe. Mehr Freiheit im Alltag. Weniger Rückzug. Weniger Jahre, die mit Selbsthass, Jo-Jo-Diäten und dem Gefühl verloren gehen, am eigenen Körper gescheitert zu sein und es nicht geschafft zu haben. Eine faire Versorgung würde zeigen, dass Gesundheit nicht davon abhängt, wer sich Medikamente leisten kann, wer genug Zeit für Kochkurse hat oder wer es schafft, in einer stigmatisierenden Welt immer wieder an sich selbst zu arbeiten. Sie würde anerkennen, dass Adipositas eine chronische Erkrankung ist und dass Gerechtigkeit im Gesundheitswesen heißt, Menschen nach Bedarf zu versorgen, nicht nach moralischer Sympathie. Patientinnen und Patienten müssten nicht mehr von sozialen Medien über ihre Therapieoptionen erfahren, weil ihre Ärztin sie proaktiv informieren und das Abnehmspritze aufhört ein Schimpfwort zu sein.)

Die Gesundheitskassa hat hier die Chance, eine Vorreiterrolle einzunehmen, ganz im Sinne der Patientinnen und Patienten.